Klettersteige in den Dolomiten: Ein Einsteiger-Guide zu den Eisenwegen

Klettersteige in den Dolomiten: Ein Einsteiger-Guide zu den Eisenwegen

Marcus Berg

April 21, 2026

4 min read· 57 views
Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich am Einstieg der Route Ivano Dibona stand, die Seile silbrig im frühen Morgenlicht glänzend, und mich fragte, ob ich mich mit dieser Anmeldung nicht in etwas verrannt hatte. Der Wind roch nach Kiefern und kaltem Fels, und zu hören waren nur das ferne Schellen der Kuhglocken und das leise Stimmengewirr einiger Frühaufsteher. Fünf Stunden später war ich außer Atem – nicht nur wegen des Aufstiegs, sondern auch wegen der Aussicht auf die zerklüfteten Gipfel der Dolomiten, eine surreale Landschaft, geformt von Gletschern und Zeit.

Was ist ein Klettersteig? Eisenwege erklärt

Wenn du mit dem Konzept noch nicht vertraut bist, erfährst du hier, worauf du dich einlässt.

Via ferrata heißt auf Italienisch wörtlich „Eisenweg“. Gemeint ist eine gesicherte Kletterroute mit fest verankerten Stahlseilen, Leitern und Brücken im Fels. Kletterer tragen einen Gurt mit einem speziellen Klettersteigset, das in die Seile eingehängt wird und sie sichert, während sie sich nach oben bewegen. Die Routen reichen von einfachem Kraxeln bis zu fast senkrechten Passagen, für die du Ausdauer und Schwindelfreiheit brauchst. In den Dolomiten haben Klettersteige eine bewegte Geschichte, die bis in den Ersten Weltkrieg zurückreicht, als Soldaten sie anlegten, um sich sicher durch die umkämpften Bergfronten zu bewegen.
Ein atemberaubender Luftblick auf die felsigen Tofane-Gipfel in den Dolomiten, der die zerklüftete Berglandschaft zeigt.

Die historische Ivano-Dibona-Route

Eine der bekanntesten Klettersteige in den Dolomiten, die Ivano Dibona erstreckt sich über 4 Kilometer mit einem Höhenunterschied von 700 Metern. Sie verbindet Seile und Leitern mit einer aufregenden Hängebrücke (der Ponte Cristallo). Am besten von Ende Juni bis Mitte September begehbar, dauert die Tour 5–6 Stunden und belohnt die Kletterer mit Panoramablicken auf das Cristallo-Massiv.

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Die besten Klettersteige für Einsteiger

Hier solltest du anfangen, wenn du deine Grenzen testen willst, ohne gleich einen Bergführer zu brauchen.

Die Route Brigata Tridentina bei Cortina d’Ampezzo ist ein Top-Tipp für Neulinge. Sie ist mittelschwer (Schwierigkeit B bis B+ auf der Klettersteigskala), gut markiert und bietet mehrere Stellen, an denen du verschnaufen und die Aussicht genießen kannst. Für den Aufstieg brauchst du etwa 4 Stunden. Das Gelände ist abwechslungsreich: Es gibt ausgesetzte Felsabschnitte, aber keine gefährlich senkrechten oder übermäßig technischen Passagen. Nimm dir ein Lunchpaket mit und gönn dir auf halber Strecke eine Pause im Rifugio Son Forca – dort kostet ein herzhaftes Tellerchen Canederli (Brotknödel) etwa 12 €.

Wichtige Tipps für deinen ersten Klettersteig

  • 1

    1. Leih dir die Ausrüstung vor Ort - Für Klettersteigsets (Helm, Gurt, Verbindungsmittel) zahlst du in Verleihstationen in Cortina d’Ampezzo oder Toblach etwa 30–40 € pro Tag. Spar nicht an der Qualität der Ausrüstung.

  • 2

    2. Buche Hütten frühzeitig - An Sommerwochenenden sind die Betten schnell weg. Rifugio Son Forca, Rifugio Auronzo und Rifugio Lavaredo bieten Schlafplätze im Lager ab 25 € und Mahlzeiten für etwa 15–20 €.

  • 3

    3. Check das Wetter gründlich - Im Sommer sind Nachmittagsgewitter keine Seltenheit. Starte früh, am besten zwischen 7 und 8 Uhr, damit du auf ausgesetzten Routen nicht in ein Gewitter gerätst.

  • 4

    4. Übe das Ein- und Aushängen - Klingt banal, aber wenn du 100 Meter über dem Abgrund mit deinen Karabinern herumfummelst, ist das alles andere als lustig.

  • 5

    5. Denk für deine ersten Touren über einen Guide nach - Für einen halben Tag liegen die Preise bei etwa 50–70 €. Ein Bergführer senkt das Risiko und hilft dir, dazuzulernen.

Schon gewusst?

Mehr als 200 Klettersteige verteilen sich über die Dolomiten – damit gehört die Region zu den dichtesten Klettersteiggebieten weltweit.

Erfahrene Kletterer werden sich eher an Routen wie der Nordwand der Drei Zinnen (Tre Cime) versuchen wollen, die technisches Können und Kondition verlangt, oder an den anspruchsvollen Klettersteig Paterno mit seinen senkrechten Anstiegen und ausgesetzten Querungen. Dafür brauchst du einen ganzen Tag, sehr gute Fitness und einen frühen Start. Wenn du das Gefühl, an einer 400 Meter hohen Felswand zu baumeln, eher als Spaß denn als Horror empfindest, wirst du hier nicht enttäuscht.
Pros
  • Unglaubliche Panoramablicke – die Dolomiten sind nicht ohne Grund UNESCO-Welterbe
  • Klare Markierungen und gut gewartete Sicherungen in den beliebten Gebieten
  • Die Mischung aus historischer Bedeutung und natürlicher Schönheit
  • Mehrere Rifugi bieten authentische alpine Küche und Rastmöglichkeiten
Cons
  • An Sommerwochenenden wird es voll, was das Gefühl von Wildnis mindert
  • Das Wetter kann rasch umschlagen und erhebliche Risiken mit sich bringen
  • Leihmaterial und Führungen summieren sich schnell, wenn du mehrere Tage unterwegs bist
  • Nichts für Menschen mit ausgeprägter Höhenangst
RouteSchwierigkeitLänge (km)Höhenmeter (m)Zeit (Stunden)Beste SaisonPreis (Guide + Leihmaterial)
Ivano DibonaB/C47005-6Ende Juni–Sept.€80-€110
Brigata TridentinaB34004Juli–Sept.€70-€100
Drei Zinnen NordwandD58506-7Juli–August€100-€140
PaternoC/D3.56005Ende Juni–August€90-€130

Gut zu wissen

Der örtliche Bergrettungsdienst (Soccorso Alpino) ist wachsam, aber kein Ersatz für Eigenverantwortung. Nimm immer ein geladenes Handy, ausreichend Wasser (mindestens 2 Liter) und ein Erste-Hilfe-Set mit. In den Rifugi gibt es oft Möglichkeiten zum Wasserauffüllen, aber frag am besten vorher nach.

Malerischer Blick auf eine steinerne Berghütte in den Dolomiten, umgeben von Touristen, die die Atmosphäre im Freien genießen.

Rifugio Son Forca

Eine gemütliche Berghütte auf 2.025 Metern, der perfekte Zwischenstopp auf der Route Brigata Tridentina. Der Duft von Holzrauch, bratendem Speck und frisch gebackenem Apfelstrudel empfängt Wanderer nach dem Aufstieg. Schlafplätze im Matratzenlager gibt es ab 25 €, die Küche ist von 7 bis 21 Uhr geöffnet.

Die Anreise zu den Einstiegen der Klettersteige in den Dolomiten ist vergleichsweise unkompliziert. Cortina d’Ampezzo ist der beliebteste Ausgangspunkt und per Bus von Venedig aus erreichbar (etwa 3,5 Stunden, 15 €). Von dort fahren im Sommer lokale Shuttlebusse zu Einstiegen wie dem Rifugio Auronzo, das Ausgangspunkt mehrerer Routen ist. Parkplätze gibt es, aber nur begrenzt – also lieber früh da sein, wenn du einen Platz ergattern willst.
Wenn du auf dein Budget achten musst, solltest du für eine einwöchige Klettersteigtour inklusive Mittelklasse-Unterkunft, Leihmaterial, lokaler Transporte und Verpflegung mit etwa 600–800 € rechnen. Gönn dir einen Guide, wenn du bei der Technik Unterstützung brauchst oder anspruchsvollere Routen sicher gehen willst – pro halbem Tag liegen die Kosten bei etwa 50–70 €.
Als ich mich am letzten Seil der Ivano Dibona einhängte, lagen die Dolomiten weit und still vor mir, rau und wild, unter einer langsam sinkenden Sonne. Die Zufriedenheit kam nicht nur daher, den Aufstieg geschafft zu haben, sondern auch daher, zu wissen, dass ich mir jeden einzelnen Höhenmeter auf die altmodische Art verdient hatte. Wenn du schwindelfrei bist und Lust auf Abenteuer hast, sind die Klettersteige in den Dolomiten ein Aufstieg, der jeden Schweißtropfen wert ist.
Pack deinen Gurt ein, buch die Hütte und tritt auf den Eisenweg. Die Berge rufen – und ein Nein akzeptieren sie nicht.

Marcus Berg

Reiseredakteur bei Vitano Magazine